über die Enterischen

Elfen, Feen, Wassermann und Berggeist beraten bei einem Kongress in der Steiermark über die Menschen:

„Kein anderes Wesen hat die Unersättlichkeit der Enterischen begriffen, bevor es ihr nicht zum Opfer fiel. Sie haben aus der List die Tücke gemacht, aus dem Feuer die Hölle, aus dem Kampf den Krieg…Kein Wesen ist mit seinesgleichen grausamer umgegangen. Kein Wesen hat seinesgleichen heftiger verfolgt. Kein Wesen hat seinesgleichen häufiger ermordet. Nichts fürchten sie mehr als sich selber…Woraus immer sie für sich Nutzen ziehen, sie zerstören es…Ihre Maschinen haben von ihnen Besitz ergriffen. Sie sind auf ihrem Weg zu weit gekommen. Ihre Weisen haben versagt, die Weisheit hat nicht vorgehalten. Sie hat sich zu weit von ihnen entfernt. Die Lehren, die sie ihnen gaben, waren zu vieldeutig, um angewendet zu werden, zu eindeutig, um das Morden zu verhindern.

Ihre Stärke ist die Macht, die sie über die Dinge haben. Ihre Schwäche ist es, einander lieben zu müssen, um nicht zu verzweifeln…Wir haben ihre Angelegenheiten nicht mehr betrieben und zugelassen, dass ihre Phantasie zur Neugier verkümmert ist. Dass sie sich nicht vorstellen können, was aus ihren Erfindungen wird, sondern nur mehr neugierig darauf sind, was sie bewirken.

Sie gebrauchen die Wörter immer und nie und haben die Freude an allem verloren, was sie erreichen können. Ihre Begriffe von der Welt sind völlig durcheinandergeraten. Nur was sie besitzen können, beruhigt sie. Am meisten aber wollen sie einander besitzen, und diese Art von Besitz nennen sie Glück.

Bisher hat noch keines der Wesen solchen Reichtum genossen. Dabei haben sie es verlernt, zu genießen. Ihre Leiber sind empfindlich geworden und anfällig. Der große Schmerz, dessen sie immer mehr Herr werden, kommt als tausend kleine Schmerzen wieder, und auch diese versuchen sie zu betäuben. So missverstehen sie die Warnung, sind ihrem Tod nichtmehr gewachsen…

Sie ertragen ihre Leiden nur, wenn sie auch andere leiden sehen. Sie haben aus dem Leiden einen Kult gemacht, der Läuterung verheißt. Sie lieben es, sich ihn vorführen zu lassen. Der Verschleiß von allem und jedem hat sie träge gemacht…Ihre Erfindungen haben sich gegen sie gewandt. Die Zeit drängt. Ihre Phantasie hat sie im Stich gelassen. Die Ordnungen von denen sie manchmal träumen, sind ihnen unerreichbar geworden. Je weniger sie verstehen, miteinander zu leben, desto strenger sind ihre Anforderungen an die Gemeinschaft. Sie verlangen voneinander was keiner von ihnen kann. Ihre Herrschsucht ist ohne Grenzen, wie ihre Neid und ihre Gier. Immer durchsichtiger werden ihre Verkleidungen für ihr Streben nach Macht, aber sie glauben an die Verkleidungen.

Sie haben den Krieg erfunden und ihn in ihre eigenen Häuser getragen. Sie haben einander unterdrückt, und ein jeder bebt vor der Rache des anderen. Je weniger sie einander verstehen, desto ähnlicher werden sie sich. Sie haben ganze Stämme und Völker ausgerottet, die glücklicher waren in der Wahl ihrer Lebensform.

Sie haben ihre Intelligenz für die Erfindung von Waffen vergeudet, als Gesellschaft sind sie dumm geblieben.

Die einfachsten Dinge sind ihnen so schwer geworden, dass jedes Tier sie an Anstand übertrifft…

Was sollen wir also tun? Wir können versuchen, sie zu lehren, vor allem die Freundlichkeit, die Zuneigung und das Wohlgefallen an allen Wesen und Dingen. Die Einheit und Vielfalt, das Füreinander und die Formen des Überlebens. Wir können ihre Lehren Lügen strafen, indem wir nicht töten, und ihnen die Angst nehmen, indem wir nicht unterdrücken. Wir können ihre Gier mildern, indem wir nicht besitzen, und ihren Neid auslöschen, indem wir ihnen zeigen, dass es ihr Leben ist, das sie leben. Wir können ihre Neugier so sehr befriedigen, dass ihre Phantasie wieder erwacht und sie sich eine bessere Art zu sein vorstellen können, als die der sie anheimgefallen sind.“ Frischmuth, Barbara: Die Mystifikation der Sophie Silber.

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Veröffentlicht in: on Januar 20, 2009 at 8:35 Kommentar schreiben
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Glühwürmchen

Die Liebe zu Büchern war eine frühe. Als Kind wurde er manchmal um Mitternacht von einem Pagen gefunden, wie er immer noch las. Man nahm ihm das Wachslicht fort, und er züchtete Glühwürmchen, seinem Zweck zu dienen. Man nahm ihm die Glühwürmchen fort, und er hätte um ein Haar das Haus mit Zunder abgebrannt.

[…]Viele Menschen seiner Zeit, und mehr noch seines Standes, entgingen der Ansteckung und waren daher frei, ganz nach ihrem eigenen süßen Willen zu laufen oder zu reiten oder sich der Liebe hinzugeben. Aber andere wurden schon früh von einem Keim infiziert, der angeblich aus dem Blütenstaub der Asphodele geboren und aus Griechenland und Italien herbei geweht wurde und von so tödlicher Natur war, dass er die Hand erzittern ließ, die sich zum Schlag erhob, das Auge bewölkte, das seine Beute suchte, und die Zunge stammeln machte, die ihre Liebe erklärte. Es war die fatale Natur dieser Krankheit, die Realität durch ein Phantom zu ersetzen,[…]

Aber so war es, und Orlando saß für sich allein, lesend, ein nackter Mensch.

Woolf, Virginia: Orlando. Fischer TB Verlag. Frankfurt am Main: 2005 (S. 52)

Veröffentlicht in: on Mai 26, 2008 at 4:57 Kommentar schreiben
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E.M. Forster: Room with a view.

Leider habe ich nicht das englische Original, sondern die furchtbare Übersetzung von Werner Peterich gelesen. Man muss sich durch Sätze wie

„Gleichwohl – irgend etwas in ihr löckte wider den Stachel“ [1]S. 26 oder „Sie hatte das Gefühl, nachgerade zuviel Zugeständnisse gemacht zu haben und entschuldigte sich eilends für ihre Duldsamkeit“ S. 60 [2]

oder Wortkreationen wie „etwas darwider haben“ S.95 und „herzugelaufen kommen“ S. 101 durchkämpfen bzw. diese Sätze ignorieren um die eigentliche Geschichte zu finden.

Florenz um 1900. Die Engländerin Lucy Honeychurch besucht gemeinsam mit ihrer zur Anstandsdame bestimmten Cousine Charlotte als Touristin Italien. In der Pension Bertolini lernen die Beiden neben zwei älteren Damen und der Autorin Miss Lavish auch Herrn Emerson und seinen Sohn George kennen. Die Herren Emerson bieten den beiden an, die Zimmer zu tauschen, damit die Damen Zimmer mit Aussicht auf den Arno genießen können. Während Charlotte den beiden Herren ob ihres Standes sehr zweifelnd gegenüber steht, empfindet Charlotte vorerst für den Vater starke Sympathie.

Auf einem einsamen Spaziergang durch die Stadt wird Lucy Zeugin einer Messerstecherei und fällt in Ohnmacht. George, ebenfalls Zeuge des Mordes kann sie gerade noch auffangen und kümmert sich um sie. Wir wissen von Georges Vater, dass George am Sinn des Lebens zweifelt und zu Depressionen neigt. Während der wenigen Minuten in der Stadt verliebt sich George in Lucy und seine Lebenseinstellung ändert sich zum Positiven.

„Es war ja nicht nur so, dass ein Mensch gestorben war; den Lebenden war auch etwas widerfahren; sie waren in eine Situation geraten, in der man seinen eigenen Charakter beweist und wo die Kindheit die sich gabelnden Pfade der Jugendzeit betritt.“ S. 75

Während eines gemeinsamen Ausflugs in die Umgebung von Florenz küsst George Lucy. Charlotte beobachtet dies uns sieht als einzige Möglichkeit Lucy zu beschützen die sofortige Weiterreise nach Rom.

Zurück in England verlobt sich Lucy mit dem versnobten Cecil Vyse den sie in Rom kennengelernt hat. Im Ort steht ein Haus zu Miete frei und Lucy bemüht sich die beiden älteren Damen aus der Pension Bertolini dort unterzubringen. Doch um den Vermieter seine gesellschaftlichen Schranken zu weisen, erlaubt sich Cecil einen Scherz und vermittelt das Haus an die Emersons. Die Emersons werden Freunde von Lucys Familie und verkehren regelmäßig in ihrem Haus. Der Kuss in Florenz scheint ein Geheimnis zwischen Lucy, George und Charlotte zu bleiben. Doch leider hat Miss Lavish die Szene für ihren neuen Roman verwendet, der Lucy und George ausgerechnet von Cecil vorgelesen wird. Aus dieser Situation küsste George Lucy ein zweites Mal, Lucy wirft ihn aus dem Haus, erkennt aber zumindest, dass sie Cecil nicht heiraten kann. Sie beschließt mit den beiden Damen aus Florenz eine Griechenlandreise zu unternehmen. Erst durch ein Gespräch Georges Vater kurz vor der Abreise erkennt Lucy, dass sie George liebt. George und Lucy heiraten, der Roman endet in dem Zimmer mit Aussicht in Florenz, wo die beiden ihre Flitterwochen verbringen.

George, obwohl eine der Hauptfiguren, ist ein sehr flacher Charakter und lebt nur durch die Figur von Emerson senior, der unbeirrbar an das Gute im Menschen und an die Liebe glaubt und hofft dies an seinen Sohn weitergegeben zu haben.

Trotz Übersetzung finden sich auch in der deutschen Übersetzung einige schöne Sätze:

„Öffnen sie ihm die Augen darüber, das neben dem ewigen warum ein ja steht – ein vergängliches Ja, wenn sie wollen, aber ein Ja.“ S. 48

„[sie]wußte sehr wohl, dass Lucy sie nicht liebte, sondern sie brauchte um zu lieben.“ S.121

Der Roman wurde 1985 von James Ivory verfilmt. Die Rolle des eingebildeten Cecil wurde dabei von Daniel Day Lewis gespielt – Im Roman ist Cecil zwar auch durchaus mit negativen Eigenschaften gezeichnet; er ist überheblich, eingebildet und versnobt aber er hebt sich nicht sonderlich von den anderen Figuren ab. In der Darstellung von Daniel Day Lewis wird aus Cecil ein absolut armseliger Mensch, der in seiner Hochnäsigkeit gefangen ist. Vor allem im Vergleich zu Archer in „The Age of Innocence“, der ja in einer ähnlichen gesellschaftlichen Position ist, wird deutlich wie Daniel Day Lewis durch überzeichnete Bewegung und Gestik eine Witzfigur aus Cecil gemacht hat.

Anders als im Roman, kann Charlotte im Film ihren Teil zum glücklichen Ende beitragen.


[1] “And yet--there was  a rebellious spirit in her…”

[2] She felt she had made almost too many allowances, and apologized hurriedly for her toleration.

E.M. Forster: Zimmer mit Aussicht. Eine Liebesgeschichte. Frankfurt: Fischer Taschenbuch: März 2005

Veröffentlicht in: on April 13, 2008 at 1:21 Kommentar schreiben
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Paul Auster & Siri Hustvedt…

…kommen dieses Jahr zum Prager Writer’s Festival.

http://www.pwf.cz/

Veröffentlicht in: on April 6, 2008 at 5:09 Kommentar schreiben
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Discovering Dickens – A Community Reading Project

da hab ich mal wieder einen wahren Schatz im Internet gefunden.

http://dickens.stanford.edu/index.html (22032008)Die Romane Dickens erschienen ursprünglich wöchentlich in Zeitungen :

“Over the 20 weeks of its original publication, fascinated readers throughout the English-speaking world read Hard Times as it was released, performed it in family groups or read it on their own, and waited with legendary impatience for the next week’s part.”

In dem Community Reading Project wurden, in den Jahren 2003-2005 Faksimile von drei Romanen Dickens ( Great Expectations in 2003, A Tale of Two Cities in 2004, and Hard Times in 2005) in Serien zur Verfügung gestellt, um den heutigen Lesern ein Gefühl für die Lesesituation von vor 150 Jahren zu ermöglichen.

2007 wurde das Projekt mit Sherlock Holmes fortgesetzt:

http://sherlockholmes.stanford.edu/ (22032008)

Mittlerweile scheint das Projekt leider abgeschlossen zu sein, man findet aber alle Kapitel ergänzt mit Kommentaren, Landkarten und Bilder noch auf den genannten Seiten.

Veröffentlicht in: on März 22, 2008 at 8:43 Kommentar schreiben
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Gogol Nikolaj: Die Nase.

Schräg, sehr schräg, aber witzig.

Der Kollegienassessor Kowaljow muss eines Morgens feststellen, dass seine Nase fehlt –so als wäre sie nie da gewesen. Und dabei ist doch gutes Aussehen sowohl für die Karriere als auch in der Gesellschaft unerlässlich. Während Kowaljow bemüht ist die Nase zurück zu bekommen, scheint diese als selbstständiges Organ Karriere zu machen und einen höheren Rang als Kowaljow einzunehmen.

Ursprünglich als Traum Kowaljows konzipiert wird die Novelle abgelehnt. Erst als Gogol die Urfassung abändert, hat „Die Nase“ als erste surrealistische Groteske der russischen Literatur Erfolg.

Interessant ist es, sich „Die Nase“ in der heutigen Zeit, vor dem Hintergrund des Schönheitswahns vorzustellen. Vielleicht läuft ja eines Tages eine Nase oder ein Ohr über den roten Teppich und versetzt weltweit die Menschen vor den Fernsehern in Begeisterung.

 

Gogol Nikolaj: Der Mantel. Die Nase. Reclam Nr. 1744

John Dos Passos: Manhattan Transfer

Dos Passos wird wie Hemingway und Fitzgerald der „Lost Generation“ zugeschrieben.

Neben „Ulysses“ und „Berlin Alexanderplatz“ der dritte bedeutende Großstadtroman des 20. Jahrhunderts. Für Sinclair Lewis gibt der Roman „„…das Panorama, das Wesen, den Geruch, die Klangfarbe, die Seele von New York „ wieder. Es gibt keine konventionellen Protagonisten, anstelle der klassischen Erzählstruktur greift Dos Passos auf filmische Stilmittel zurück: Collage artig verbindet er Einzelschicksale mit den großen Themen der Zeit, Figuren treffen immer wieder scheinbar zufällig aufeinander; Schlagzeilen, Liedtexte, Schilder verbinden sich mit Gesprächsfetzen und Zeitungsartikeln; der Erzähler ist lediglich Beobachter wie der Leser.

Symbolhafte für die Unsicherheiten in Zeiten des Umbruchs stehen Autounfälle und Brände – die Figuren greifen nie ein, sondern bleiben immer (wie es der Großstadt allgemein zugeschrieben wird) Beobachter.

Das Thema im Roman: Überleben in einer sich verändernden Gesellschaft: Immigranten aus Europa, Zuwanderer vom Land – sie alle versuchen den amerikanischen Traum für sich zu erfüllen: die scheinbar Erfolgreichen landen an der Börse oder im Theater, die Erfolglosen landen auf der Straße, nehmen sich das Leben oder organisieren sich in Gewerkschaften.

Veröffentlicht in: on März 13, 2008 at 6:08 Kommentar schreiben

Strelecky, John: Das Café am Rande der Welt.

Ein Mann hat genug vom Alltag und will eine Woche Urlaub mit dem Auto machen und dem Stress entfliehen. Über Umwege landet er mitten in der Nacht im “Café der Fragen”. Durch Gespräche mit einer Kellnerin und dem Inhaber wird er mit seinem bisherigen Leben konfrontiert und stellt sich den Fragen „Warum bist Du hier?“, „Hast Du Angst vor dem Tod.?“ “Führst Du ein erfülltest Leben?”.Die Nacht vergeht, der Mann erkennt dass er seinem Leben selbst Sinn geben muss und ist geläutert und bereit ein neues Leben anzufangen.

So einfach ist das.

Ein paar gute Denkansätze aber sonst nichts Neues. Einfachste Handlungen in die möglichst viele philosophische Gedanken verpackt werden häufen sich. Bei Paulo Coelhos “Alchimist” vor Jahren war das noch schön – einfach schön. Aber mittlerweile wünsche ich mir wieder mehr Geschichte um die Gedanken. Allerdings gab es doch auch einige Stellen an denen ich schmunzeln musste. Dem Vorleser kann man recht gut zuhören.

gelesen von Mathias Herrmann

Veröffentlicht in: on at 5:58 Kommentar schreiben
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Hellmuth, Claudine: “collage discovery workshop”

Wer sich für Collage interessiert und schon immer wissen wollte wie wunderschöne Arbeiten gelingen, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Nur im englischen Original Lieferbar, aber sprachlich nicht sehr schwer, da die Anleitungen gut gegliedert sind. Claudine Hellmuth verrät wie mit einfachen Mitteln (zum Teil in jedem Haushalt zu finden) Schicht für Schicht wunderschöne Collagen gemacht werden können. Ich bin gerade dabei die einzelnen Techniken auszuprobieren und es macht wirklich Spaß zu sehen wie man mit einem einfachen Tipp die Basis für ein Bild schaffen kann. In diesem Sinne:

Wünsch ich allen genau soviel Freude beim basteln, stempeln und kleben diverser Weihnachtsgeschenke. Ist übrigens auch unglaublich entspannend nach einem anstrengenden Arbeitstag!

Veröffentlicht in: on November 20, 2007 at 6:55 Kommentar schreiben

Diane Broeckhoven “Ein Tag mit Herrn Jules”

Nachdem die Anzahl der Lesezeitdiebe in öffentlichen Verkehrsmitteln leider stetig zunimmt, habe ich schon vor einiger Zeit beschlossen Sie mit einer ihrer eigenen Waffen zu besiegen und mir einen einen I-Pod gegönnt um wenigstens Bücher hören zu können anstatt mit uninteressanten Telefongesprächen oder Bassüberbleibseln von Musik zugedröhnt zu werden. Warum ist es so schwer, den Sinn von Kopfhörern oder Ohrstöpseln zu verstehen? Für alle die es noch nicht verstanden haben, diese wurden erfunden damit man ganz für sich Musik hören kann ohne andere Menschen damit zu belästigen. Bei manchen Zeitgenossen hat man allerdings eher das Gefühl, sie haben Sie Lautsprecher auf die Ohren geschnallt. Und dem nicht genug, verzichten einige sogar ganz auf Ohrstöpsel und drehen gleich den Lautsprecher vom handy auf volle Lautstärke – was dabei qualitativ rauskommt kann man doch nicht mal mehr Musik nennen???? Dagegen sind die allbekannten Unnötigetelefongesprächeführer eigentlich schon fast langweilig geworden. Wobei manchmal sind ja doch recht interessante Gespräche dabei – nur leider sind diese Geschichten wie Fortsetzungsgeschichten ohne Fortsetzung, im spannendsten Moment hält der Bus an der Endstation und ich werde nie erfahren wie dieses Ehedrama zu Ende geht. Das wirklich interessanteste Gespräch, psychologisch echt wertvoll, wurde leider abgebrochen indem die Handyhalterin ihrer Gesprächspartnerin (nach dem Inhalt des Gespräches kann es nur die beste Freundin gewesen sein) entsetzt mitgeteilt hat, dass da auch noch andere Leute im Bus sind (darum heißen die Dinger ja auch Öffis) die das Gespräch mithören. Böse aber auch, haben wir uns wiedermal nicht die Ohren zugehalten…jedenfalls um wieder zurück zum eigentlichen Thema zu kommen, jetzt habe ich eine Waffe.

“Pride and Predjudice” war mit einer Erzählzeit von fast 12 Stunden für den Anfang vielleicht nicht optimal gewählt, vor allem wenn man in der Früh nur 20min unterwegs ist, obwohl der Roman wirklich perfekt gelesen wurde – ist aber dann doch eher für längere Zugfahrten geeignet. Am Anfang ist es auch komisch einfach nur zuzuhören, ich hab mich furchtbar konzentrieren müssen damit ich nicht den Faden verliere.

“Ein Tag mit Herrn Jules” dagegen war die perfekte Wahl für kurze Strecken. Alice findet eines Morgens ihren Mann tot im Wohnzimmersessel – er ist, nachdem er seiner Morgenroutine nachgekommen ist, beim Beobachten der Schneeflocken friedlich eingeschlafen. Sie informiert niemanden und verheimlicht seinen Tod vor der Nachbarin. Nur der autistische Nachbarsjunge darf zu Besuch kommen und erkennt die Wahrheit. Die nächsten 24 Stunden nimmt sie sich Zeit um sich in Ruhe von ihm zu verabschieden. Das Thema Sterben und Tod ist eigentlich nicht unbedingt etwas womit man sich auf dem Weg zur Arbeit beschäftigen will. In dieser Geschichte ist es Diane Broeckhoven allerdings gelungen, dem Tod den Schrecken zu nehmen, da viele Teile der Geschichte von Alltagsroutine handeln, verstärkt durch die Notwendigkeit von Routine für den autistischen David, wird der Tod in die Routine des Lebens eingebettet – er ist ein normaler Bestandteil des Lebens. Die Ruhe die Alice hat, natürlich auch um den endgültigen Abschied von Jules hinauszuzögern, hat die Autorin wunderbar sprachlich umgesetzt. Gelesen wird mit sanfter, einfühlsamer Stimme.

Ich denke, bei dieser Hörbuchausgabe war die Entscheidung den Roman zu hören, anstatt ihn zu lesen richtig, irgendwie führt die Vorleserin mit ihrer Stimme den Höhrer beruhigend durch den Abschied von Jules.

Veröffentlicht in: on November 14, 2007 at 5:37 Kommentar schreiben
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