Die Liebe zu Büchern war eine frühe. Als Kind wurde er manchmal um Mitternacht von einem Pagen gefunden, wie er immer noch las. Man nahm ihm das Wachslicht fort, und er züchtete Glühwürmchen, seinem Zweck zu dienen. Man nahm ihm die Glühwürmchen fort, und er hätte um ein Haar das Haus mit Zunder abgebrannt.

[…]Viele Menschen seiner Zeit, und mehr noch seines Standes, entgingen der Ansteckung und waren daher frei, ganz nach ihrem eigenen süßen Willen zu laufen oder zu reiten oder sich der Liebe hinzugeben. Aber andere wurden schon früh von einem Keim infiziert, der angeblich aus dem Blütenstaub der Asphodele geboren und aus Griechenland und Italien herbei geweht wurde und von so tödlicher Natur war, dass er die Hand erzittern ließ, die sich zum Schlag erhob, das Auge bewölkte, das seine Beute suchte, und die Zunge stammeln machte, die ihre Liebe erklärte. Es war die fatale Natur dieser Krankheit, die Realität durch ein Phantom zu ersetzen,[…]

Aber so war es, und Orlando saß für sich allein, lesend, ein nackter Mensch.

Woolf, Virginia: Orlando. Fischer TB Verlag. Frankfurt am Main: 2005 (S. 52)

Schräg, sehr schräg, aber witzig.

Der Kollegienassessor Kowaljow muss eines Morgens feststellen, dass seine Nase fehlt –so als wäre sie nie da gewesen. Und dabei ist doch gutes Aussehen sowohl für die Karriere als auch in der Gesellschaft unerlässlich. Während Kowaljow bemüht ist die Nase zurück zu bekommen, scheint diese als selbstständiges Organ Karriere zu machen und einen höheren Rang als Kowaljow einzunehmen.

Ursprünglich als Traum Kowaljows konzipiert wird die Novelle abgelehnt. Erst als Gogol die Urfassung abändert, hat „Die Nase“ als erste surrealistische Groteske der russischen Literatur Erfolg.

Interessant ist es, sich „Die Nase“ in der heutigen Zeit, vor dem Hintergrund des Schönheitswahns vorzustellen. Vielleicht läuft ja eines Tages eine Nase oder ein Ohr über den roten Teppich und versetzt weltweit die Menschen vor den Fernsehern in Begeisterung.

 

Gogol Nikolaj: Der Mantel. Die Nase. Reclam Nr. 1744

Nachdem die Anzahl der Lesezeitdiebe in öffentlichen Verkehrsmitteln leider stetig zunimmt, habe ich schon vor einiger Zeit beschlossen Sie mit einer ihrer eigenen Waffen zu besiegen und mir einen einen I-Pod gegönnt um wenigstens Bücher hören zu können anstatt mit uninteressanten Telefongesprächen oder Bassüberbleibseln von Musik zugedröhnt zu werden. Warum ist es so schwer, den Sinn von Kopfhörern oder Ohrstöpseln zu verstehen? Für alle die es noch nicht verstanden haben, diese wurden erfunden damit man ganz für sich Musik hören kann ohne andere Menschen damit zu belästigen. Bei manchen Zeitgenossen hat man allerdings eher das Gefühl, sie haben Sie Lautsprecher auf die Ohren geschnallt. Und dem nicht genug, verzichten einige sogar ganz auf Ohrstöpsel und drehen gleich den Lautsprecher vom handy auf volle Lautstärke – was dabei qualitativ rauskommt kann man doch nicht mal mehr Musik nennen???? Dagegen sind die allbekannten Unnötigetelefongesprächeführer eigentlich schon fast langweilig geworden. Wobei manchmal sind ja doch recht interessante Gespräche dabei – nur leider sind diese Geschichten wie Fortsetzungsgeschichten ohne Fortsetzung, im spannendsten Moment hält der Bus an der Endstation und ich werde nie erfahren wie dieses Ehedrama zu Ende geht. Das wirklich interessanteste Gespräch, psychologisch echt wertvoll, wurde leider abgebrochen indem die Handyhalterin ihrer Gesprächspartnerin (nach dem Inhalt des Gespräches kann es nur die beste Freundin gewesen sein) entsetzt mitgeteilt hat, dass da auch noch andere Leute im Bus sind (darum heißen die Dinger ja auch Öffis) die das Gespräch mithören. Böse aber auch, haben wir uns wiedermal nicht die Ohren zugehalten…jedenfalls um wieder zurück zum eigentlichen Thema zu kommen, jetzt habe ich eine Waffe.

„Pride and Predjudice“ war mit einer Erzählzeit von fast 12 Stunden für den Anfang vielleicht nicht optimal gewählt, vor allem wenn man in der Früh nur 20min unterwegs ist, obwohl der Roman wirklich perfekt gelesen wurde – ist aber dann doch eher für längere Zugfahrten geeignet. Am Anfang ist es auch komisch einfach nur zuzuhören, ich hab mich furchtbar konzentrieren müssen damit ich nicht den Faden verliere.

„Ein Tag mit Herrn Jules“ dagegen war die perfekte Wahl für kurze Strecken. Alice findet eines Morgens ihren Mann tot im Wohnzimmersessel – er ist, nachdem er seiner Morgenroutine nachgekommen ist, beim Beobachten der Schneeflocken friedlich eingeschlafen. Sie informiert niemanden und verheimlicht seinen Tod vor der Nachbarin. Nur der autistische Nachbarsjunge darf zu Besuch kommen und erkennt die Wahrheit. Die nächsten 24 Stunden nimmt sie sich Zeit um sich in Ruhe von ihm zu verabschieden. Das Thema Sterben und Tod ist eigentlich nicht unbedingt etwas womit man sich auf dem Weg zur Arbeit beschäftigen will. In dieser Geschichte ist es Diane Broeckhoven allerdings gelungen, dem Tod den Schrecken zu nehmen, da viele Teile der Geschichte von Alltagsroutine handeln, verstärkt durch die Notwendigkeit von Routine für den autistischen David, wird der Tod in die Routine des Lebens eingebettet – er ist ein normaler Bestandteil des Lebens. Die Ruhe die Alice hat, natürlich auch um den endgültigen Abschied von Jules hinauszuzögern, hat die Autorin wunderbar sprachlich umgesetzt. Gelesen wird mit sanfter, einfühlsamer Stimme.

Ich denke, bei dieser Hörbuchausgabe war die Entscheidung den Roman zu hören, anstatt ihn zu lesen richtig, irgendwie führt die Vorleserin mit ihrer Stimme den Höhrer beruhigend durch den Abschied von Jules.

Aufmerksam wurde ich auf dieses kleine Büchlein anlässlich einer Dokumentation im Umfeld der Frankfurter Buchmesse. Inmitten der vielen Interviews die zu dieser Zeit im TV gezeigt wurden, ist mir Andrea Maria Schenkel sofort aufgefallen. Vor allem Ihre Art zu sprechen, vielmehr zu erzählen hat mich begeistert: ihre Mimik und Gestik und dazu eine ruhige, Details hervorhebende und nie langweilige Stimme, eine Geschichtenerzählerin mit bayrischem Dialekt. Soweit ich mich an das Interview erinnern kann, dürfte der Krimi auf einer wahren Geschichte beruhen, die man ihr selbst einmal erzählt hat.

Während der ersten Seiten von Tannöd hatte ich diese Art zu sprechen noch im Hinterkopf und fast das Gefühl, dass die Autorin mir die Geschichte vorliest. Die Geschichte spielt im Deutschland der 50 er Jahre in einfachem, bäuerlichen Milieu – mit den kurzen Sätzen in denen der Text geschrieben ist hat Andrea Maria Schenkel die Atmosphäre wunderbar eingefangen ohne dabei in einen billigen Schundroman abzurutschen.

Es ist ein kurzer Krimi, allerdings ohne klassischen Aufbau – die Morde passieren erst relativ spät, es gibt keinen Ermittler, vielmehr wird durch kurze Erzählungen der Dorfbewohner ein Bild gesponnen – erinnert ein bisschen an Bölls Gruppenbild mit Dame, wobei einer dieser Zeugen am Ende der Mörder selbst ist. Ohne Kompromisse zerstört sie nebenbei das Bild von der „Guten alten Zeit“ und dem idyllischen Landleben.

Vor allem durch das setting etwas Neues und genau das richtige für einen spannenden Nachmittag im Winter.

Information am Rande, die während der Buchmesse nie zur Sprache kam: der Autorin werden von dem Journalisten Peter Leuschner Vorwürfe wegen Plagiats gemacht – Schenkel habe von seinem Sachbuch abgeschrieben – allem Anschein nach konnten diese bisher aber abgewiesen werden.

Schenkel, Andrea Maria: „Tannöd“. Hamburg: Lutz Schulenburg, Edition Nautilus. 2005

Im Mittelpunkt des Romans steht die Beziehung zwischen Amir und Hassan. 1975, bevor sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschiert sind, ist Amirs Vater (Baba) eine erfolgreicher Geschäftsmann und ein überall geachteter Mann. Hassan ist der Sohn des langjährigen Dieners von Amirs Vater Ali und lebt gemeinsam mit ihm in einer einfachen Hütte im Garten von Baba. Baba fühlt sich den Beiden tief verbunden, würde sie aber nie als Freunde bezeichnen. Amir und Hassan sind Milchbrüder (d.h. von der gleichen Amme gestillt) und verbringen ihre Freizeit miteinander. Hassan wird von Amir als gutmütiger und untertäniger Mensch beschrieben, der absolut ehrlich ist und „…unfähig, einem anderen Wesen Schmerz zuzufügen.“(S.16) Seinen Vater erfährt er als ehrbare, starke Persönlichkeit die sich die Welt nach den eigenen Vorstellungen formt. Vorstellungen denen Amir nicht gerecht werden kann. So bleibt ihm nichts anderes übrig als um die Achtung und Aufmerksamkeit des Vaters zu kämpfen. Jedes Interesse des Vaters für Hassan löst Eifersucht in ihm aus. Obwohl Hassan ein treuer und wichtiger Gefährte für Amir ist, beobachtet er sich selbst dabei wie er ihn bei jeder Gelegenheit durch Sticheleien demütigt.

Einen Wettbewerb im Drachensteigen zu gewinnen erscheint Amir als einzige Möglichkeit die Aufmerksamkeit des Vaters zu erlangen. Der Wettbewerb ist fast gewonnen, als Amir Hassan feige verrät. Der Verrat verändert das Leben beider und ihre Wege trennen sich. Mit dem Einmarsch der Sowjets spitzt sich die politische Situation in Afghanistan zu und Hassan flüchtet mit seinem Vater über Pakistan nach Amerika. Jahre später kehrt er in das vom Krieg zerstörte und von der Taliban kontrollierte Afghanistan zurück um sich seiner Vergangenheit zu stellen und seine Schuld zu tilgen.

Diese Ausgabe enthält einen Anhang für Lesekreise. Der Anhang enthält neben einem Interview mit dem Autor und Diskussionsfragen für Lesekreise (sollten nicht durch das Lesen des Romans genug Fragen bei den Leserinnen aufdrängen, brauchen wir wirklich Anleitungen um über ein Buch nachdenken zu können? – abgesehen davon, dass eine Frage ein spoiler ist) auch einen kurzen „Abriss der Geschichte Afghanistans“. Dieser kurze Abriss fasst die Geschichte von 1747 bis zum 18.September 2005 zusammen. Obwohl der Anhang für den Lesekreis erst 2006 hinzugefügt wurde und es sich bei dieser Ausgabe um die 18. Auflage vom August 2007 handelt, wurden die jüngsten Ereignisse nur sehr oberflächlich angedeutet: „Besonders in den Südprovinzen hält die Gewalt gegen Regierungskräfte und ausländische – vor allem US-amerikanische und britische – Truppen an (vgl. http://www.spiegel.de/flash/0,5532,11722,00.html 14102007) und nimmt durch die Unterstützung von militanten Gruppen aus dem Ausland sogar zu. Es ist zu erwarten, dass sie infolge der Programme zur Drogenbekämpfung weiter eskalieren wird.“(S.379) Es hat den Anschein, als wolle man durch aktuelle Fakten nicht zu sehr vom Ziel des Autors ablenken, den Lesern zu zeigen „…wie die Menschen in Afghanistan gelebt haben, bevor es den Krieg mit der Sowjetunion und die Taliban gab.“ (S.382). Dieses Anliegen ist Hosseini sehr gut gelungen und ich habe es als sehr erleichternd empfunden neben den täglichen Berichterstattungen, die nur Platz für Schreckliches haben und negative Gefühle hinterlassen, über Menschen, die nicht nur kategorisch als Opfer oder Täter dargestellt werden, und über Afghanistan als schönes und interessantes Land zu lesen.

Passend zu diesem Roman wurde auf ARTE gestern die Doku „Verlorene Schätze Afghanistans“ gezeigt. Die Doku zeigt u.a. unglaublich mutige Menschen die unter dem Taliban Regime, im Bewusstsein dass sie ihren Einsatz vielleicht mit Folter und ihrem Leben bezahlen müssen, afghanische Kulturgüter (Filme, Gemälde) vor der Zerstörungswut der Taliban gerettet haben.

Hosseini, Khaled: „Drachenläufer.“ Berlin: BvT, 2004