Eigentlich wollte ich vor 14 Tagen nur „Die Chemie des Todes“ für lange heiße Sommernächte lesen.  Mehr als 3 Abende habe ich dann auch nicht dafür gebraucht. Der Thriller ist gut gestrickt – einzelne, prägnante  Sätze als Cliffhanger, dezente Hinweise die Vermutungen aufstellen lassen  und dann doch noch eine kleine Überraschung am Ende die Lust auf den zweiten Roman macht.

„Kalte Asche“ ist ähnlich aufgebaut, stützt sich für meinen Geschmack etwas zu oft auf den ersten Roman. Diesmal lockt uns Simon Beckett gekonnt auf eine falsche Fährte, baut bei der Auflösung bereits eine Überraschung ein die aber für meinen Geschmack zu übertrieben war. Ein weiterer Twist gegen Ende macht den Schluss etwas langatmig sodass ich mir eigentlich eine Beckett Pause verschrieben habe. Und dann auf den letzten 3 Seiten der Hammer – und kaum habe ich das Buch fertig gelesen muss ich in die nächste Buchhandlung laufen und mir Teil 3 der Geschichte um David Hunter holen. Als ob ich nicht genug ungelesene Bücher in meinem Zimmer verstreut hätte – Vielen Dank Herr Beckett

Beckett

Schräg, sehr schräg, aber witzig.

Der Kollegienassessor Kowaljow muss eines Morgens feststellen, dass seine Nase fehlt –so als wäre sie nie da gewesen. Und dabei ist doch gutes Aussehen sowohl für die Karriere als auch in der Gesellschaft unerlässlich. Während Kowaljow bemüht ist die Nase zurück zu bekommen, scheint diese als selbstständiges Organ Karriere zu machen und einen höheren Rang als Kowaljow einzunehmen.

Ursprünglich als Traum Kowaljows konzipiert wird die Novelle abgelehnt. Erst als Gogol die Urfassung abändert, hat „Die Nase“ als erste surrealistische Groteske der russischen Literatur Erfolg.

Interessant ist es, sich „Die Nase“ in der heutigen Zeit, vor dem Hintergrund des Schönheitswahns vorzustellen. Vielleicht läuft ja eines Tages eine Nase oder ein Ohr über den roten Teppich und versetzt weltweit die Menschen vor den Fernsehern in Begeisterung.

 

Gogol Nikolaj: Der Mantel. Die Nase. Reclam Nr. 1744

Aufmerksam wurde ich auf dieses kleine Büchlein anlässlich einer Dokumentation im Umfeld der Frankfurter Buchmesse. Inmitten der vielen Interviews die zu dieser Zeit im TV gezeigt wurden, ist mir Andrea Maria Schenkel sofort aufgefallen. Vor allem Ihre Art zu sprechen, vielmehr zu erzählen hat mich begeistert: ihre Mimik und Gestik und dazu eine ruhige, Details hervorhebende und nie langweilige Stimme, eine Geschichtenerzählerin mit bayrischem Dialekt. Soweit ich mich an das Interview erinnern kann, dürfte der Krimi auf einer wahren Geschichte beruhen, die man ihr selbst einmal erzählt hat.

Während der ersten Seiten von Tannöd hatte ich diese Art zu sprechen noch im Hinterkopf und fast das Gefühl, dass die Autorin mir die Geschichte vorliest. Die Geschichte spielt im Deutschland der 50 er Jahre in einfachem, bäuerlichen Milieu – mit den kurzen Sätzen in denen der Text geschrieben ist hat Andrea Maria Schenkel die Atmosphäre wunderbar eingefangen ohne dabei in einen billigen Schundroman abzurutschen.

Es ist ein kurzer Krimi, allerdings ohne klassischen Aufbau – die Morde passieren erst relativ spät, es gibt keinen Ermittler, vielmehr wird durch kurze Erzählungen der Dorfbewohner ein Bild gesponnen – erinnert ein bisschen an Bölls Gruppenbild mit Dame, wobei einer dieser Zeugen am Ende der Mörder selbst ist. Ohne Kompromisse zerstört sie nebenbei das Bild von der „Guten alten Zeit“ und dem idyllischen Landleben.

Vor allem durch das setting etwas Neues und genau das richtige für einen spannenden Nachmittag im Winter.

Information am Rande, die während der Buchmesse nie zur Sprache kam: der Autorin werden von dem Journalisten Peter Leuschner Vorwürfe wegen Plagiats gemacht – Schenkel habe von seinem Sachbuch abgeschrieben – allem Anschein nach konnten diese bisher aber abgewiesen werden.

Schenkel, Andrea Maria: „Tannöd“. Hamburg: Lutz Schulenburg, Edition Nautilus. 2005